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„GRÜN sells“ – Nachhaltigkeit als Trend im Online-Handel?

Der gefühlte Archetyp des Online-Shoppers ist der Hipster. Wird dieser jetzt vom Birkenstock-Träger mit Toni-Hofreiter-Gedächtnisfrisur digital überholt? Man könnte es fast meinen. Denn jüngst tauchen im Zusammenhang mit dem E-Commerce immer öfter Begriffe wie Nachhaltigkeit und Ökobilanz auf. Was ist da los?

Neue Töne im E-Commerce: Nachhaltigkeit und Ökologie

Vergleichsweise neue Aspekte in der Diskussion über den E-Commerce sind die Fragen nach dessen Nachhaltigkeit und Umweltverträglichkeit. Renommierte Institute wie das ECC oder zuletzt auch das Öko-Institut forschen auf diesen Feldern. Sie untersuchen zum Beispiel, wie die Ökobilanz eines Schuhkaufes online gegenüber stationär ist. Gut so!

Dieser Diskussion muss sich der Online-Handel als verantwortungsbewusste große Branche stellen. Des Weiteren gibt es vermehrt Studien, die größtenteils belegen, dass Online-Shopper großen Wert auf Nachhaltigkeit sowie Umweltverträglichkeit bei ihrem digitalen Einkauf legen. Das finde ich ja schön, rate euch Shopbetreiben aber zur Vorsicht bei der Interpretation solcher Studienergebnisse. Meine Überzeugung ist: Online-Kunden wollen Ökologie und Nachhaltigkeit – aber alles andere, was zu ihrem Vorteil ist, wollen sie gleichzeitig auch!

Online-Shopper sind anspruchsvoll, maßlos und gierig!

Wir alle wissen, dass Online-Shopper sehr anspruchsvoll sind. Da ich kein Shopbetreiber bin, erlaube ich mir den Zusatz: Sie sind sogar maßlos und gierig! Ihr Anspruchsdenken befindet sich bisweilen auf einem Level mit den Anforderungen von Paris Hilton an ihre Hotelsuite.

Na, und? Der Kunde ist König!

Damit wir uns nicht missverstehen: Das dürfen sie auch sein, denn der Kunde ist, wie es so schön heißt, König! Und viele Kolleginnen und Kollegen zerbrechen sich aufopferungsvoll und kreativ ihre klugen Köpfe, wie die Majestäten in allen Bereichen eines Kaufvorganges im E-Commerce bei royaler Laune gehalten werden können. Das gilt zum Beispiel für deine Kundenkommunikation ebenso wie für den Seitenaufbau deines Shops.

Die lange Wunschliste der Online-Kunden

Die digitalen Shoppingqueens und -kings wollen attraktiv gestaltete aber gleichzeitig übersichtlich strukturierte Webshops. Natürlich müssen diese auch für mobile Endgeräte optimiert sein. Die Produkte sollen exakt beschrieben und bitteschön aus allen Perspektiven abgebildet sein. Ein super Service mit möglichst individueller Beratung in Echtzeit gehört selbstredend einfach dazu. Zwischendurch wird noch schnell gecheckt, ob das gleiche Produkt bei einem anderen Händler nicht noch 2 Prozent günstiger zu haben ist. Niedrigstpreise kann man ja wohl verlangen! Wenn es im unkomplizierten Check-Out ans Bezahlen geht, wird erwartet, dass die persönlich präferierte Zahlungsart angeboten wird. Andernfalls bleibt der Warenkorb stehen. Die Lieferung der bestellten Ware soll schnell und am besten in einem vom Käufer eng definierten Zeitfenster erfolgen. Und das kostenlos, was natürlich auch für mögliche Retouren gilt. Puuuuhh! Ganz schön anstrengend für die Shopinhaber. Und das war nur ein Auszug aus der Wunschliste.

Und jetzt auch noch nachhaltiger und grüner E-Commerce?

Zu allem Überfluss suggerieren Studien wie die oben genannten jetzt auch noch, all diese Kundenanforderungen müssen nachhaltig und ökologisch korrekt erfüllt werden, um beim Konsumenten punkten zu können. Da heißt es zum Beispiel, dass 87 Prozent der Webshopper die Nutzung von gebrauchten Versandkartons befürworten oder 63 Prozent den Hinweis gut finden, dass die Bestellung des gleichen Artikels in mehreren Farben oder Größen die Umwelt belastet.

Schnäppchengier schlägt grünes Gewissen

Meine feste Überzeugung ist, dass bei den allermeisten Online-Käufern die Schnäppchengier das grüne Gewissen schlägt. Ökologie und Nachhaltigkeit werden in den seltensten Fällen der entscheidende Kaufanreiz, sondern allerhöchstens ein Zusatznutzen sein, wenn dem Konsumenten dadurch kein wie auch immer gearteter Nachteil entsteht. Sei es durch einen höheren Preis oder andere gefühlte Unannehmlichkeiten.

Die zitierten Studienergebnisse sind sicher alle wissenschaftlich korrekt ermittelt – da vertraue ich den genannten renommierten Instituten gerne. Allerdings sind die Erkenntnisse isoliert. Es gehört doch immer beispielsweise die Frage dazu: „Und wären Sie auch bereit, für diesen ökologischen Aspekt mehr zu bezahlen oder länger auf Ihre Ware zu warten?“ Die Antworten hierauf, das wage ich zu behaupten, wären aus ökologisch-nachhaltiger Sicht ernüchternd bis erschütternd.

Wer ist dein Kunde? Die Öko-Sau oder der Öko-Freak?

Für dich als Shopbetreiber ist es natürlich entscheidend, deine Zielgruppe zu kennen und möglichst tief in deren Köpfe – oder besser noch in deren ökologische Gewissen – zu schauen. Es gibt ja mittlerweile sehr ausgefeilte Ansätze und Methoden zur Definition und detaillierten Analyse der Denkweisen von Zielgruppen.

Ich sage es einmal deutsch und deutlich: Wenn du nachhaltige, fair gehandelte Bio-Lebensmittel verkaufst, ist dein Kundenstamm wohl überwiegend bereit, deinen Shop für nachhaltiges und ökologisches Agieren zu honorieren. Solltest du aber Auto-Tuning-Zubehör vertreiben, würde ich von diesem Themenbereich eher die Finger weg lassen.

Fazit

Du als Shopinhaber solltest die Anforderungen deiner Kunden also differenziert sehen und schauen, was für deine Kernzielgruppe wichtig ist. Es ist unmöglich und es macht keinen Sinn, unter dem harten Preisdiktat des Online-Handels alle Kundenanforderungen, die irgendwo einmal wissenschaftlich korrekt ermittelt worden sind, zu wettbewerbsfähigen Konditionen zu erfüllen, wenn diese für deine Kunden überhaupt nicht oder wenig relevant sind. Denn ökologisch blitzsauber aber nachhaltig insolvent vom Markt zu verschwinden, ist doch sicher nicht dein Plan, oder?


 

Übrigens, falls du an nachhaltigen Verpackungen interessiert bist, haben wir hier was für dich: Verpackungen aus Stroh für den Online-Handel: Nachhaltigkeit und Umweltfreundlichkeit im Fokus

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Frank Zimmermann

Frank Zimmermann

Frank ist mit seinem Unternehmen FCZ PR seit 2003 selbständiger Kommunikationsberater. Seine Kernkompetenzen sind E-commerce, IT im Allgemeinen und die Finanzdienstleistungsbranche. Neben Corporate Communications ist die Krisenkommunikation seine Passion. Zuvor war Frank als Managing Director des Standortes Frankfurt der PR-Agentur Weber Shandwick tätig.

1 Kommentar

  1. 8. März 2016 von 07:25 — Antworten

    Ich kann mir nicht vorstellen das der „grüne-Trend“ Bestand haben wird. Nachhaltigkeit ist zwar gut, aber es gibt himmelweite Unterschiede zwischen grünen und tatsächlich Nachhaltigen Unternehmen. Der Trend-Öko kauft grün fürs gute Gewissen, genauso wie der Hobby-Veganer auf tierische Produkte verzichtet weil er irgendwo eine Doku über Massentierhaltung gesehen hat. Es sind alles kurzfristige Trends und nur ein kleiner Teil wird auf die Dauer dazu bereit sein, den höheren Preis zu bezahlen. Die Sinnhaftigkeit einiger Ökoprodukte sowohl vom Ergebnis als auch der Mehrmarkenstrategie einiger Konzerne lasse ich an dieser Stelle mal unkommentiert, obwohl ich bspw. den ganzen „Frosch“ Nutzern mal empfehlen kann zu schauen wer dahinter steckt;-)

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