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Logistik im e-commerce: Topseller vorne lagern – ein Interview mit Stefan Götz

Letztlich tragen viele Faktoren zum Erfolg eines Onlineshops bei. Optimale Darstellung, vertrauenswürdiges und rechtssicheres Gesamtbild, möglichst viele Zahlungsarten – das sind die Faktoren, die onsite für gute Konversionsraten sorgen. Doch in den Prozessen nach der Bestellung liegt großes Optimierungspotential. „Eine perfekt organisierte Logistik macht schnelle Lieferung und guten Kundenservice erst möglich“, so Stefan Götz, Betreiber des Onlineshops www.riccardo-zigarette.de

Gut durchdachte Prozesse in der Bestell-Abwicklung haben großen Einfluss auf die Margen und damit das gesamte Geschäftsmodell von Onlineshops. Ich habe in meiner e-commerce-Karriere von Händlern gehört, die Zweitwohnungen für die Lagerung von Sitzsäcken angemietet haben, als das Geschäft florierte. Erst kürzlich konnte ich den Aufbau eines e-commerce-Warenlagers eines der größten deutschen Möbelhandelshauses besichtigen – dazwischen liegen Welten.

Bild: Lager LogistikRiccardo E-Zigaretten

Die Lagerhalle von Riccardo (Foto: Riccardo Retail Gmbh)

Best Practice: Ein Onlineshop mit e-Zigaretten

Portrait: Stefan Götz, Riccardo E-Zigaretten

Stefan Götz, Geschäftsführer der Riccardo Retail GmbH

Beeindruckt hat mich da die Erfahrung bei riccardo-zigarette.de. Der Onlineshop floriert im viertem Jahr nach der Gründung. Die Produkte sind e-Zigaretten und Zubehör sowie die zum Dampfen benötigten Liquide in allen Geschmacksrichtungen. Die Produkte sind optimal für den Versandhandel: Die Hardware ist selten größer und schwerer als ein Kugelschreiber – die Dampfware kommt in speziellen Liquidfläschchen ähnlich wie für Augentropfen.

Am einfachsten ist die Zusammenstellung, wenn der Kunde den Riccardo eLiquid-Mixer nutzt. Hier wird die Bestellung in Echtzeit produziert und etikettiert. Komplizierter ist es, wenn die Warenkörbe individuell zusammengestellt werden. Die Kunden wählen verschiedene vorgemixte Dampfsorten wie Tabak, Whiskey, Zimt und Erdbeere aus lebensmittelechten Stoffen. Dazu – wenn gewünscht – Nikotin.

400 kleine Pakete täglich – Logistik im  Onlineshop

Täglich verlassen etwa 400 kleine Päckchen das Versandlager, das etwa 100 Quadratmeter misst. Hardware und Dampfware sind in kleinen grauen Stapelboxen gelagert, die Barcodes mit dem bloßen Auge kaum lesbar. Eine manuelle Zusammenstellung würde zu ressourcenintensiv sein – auch wenn die Laufwege nicht lang sind. Hier sind technische Lösungen gefragt, um Prozesse zu optimieren.

Herr Götz, Sie sind Gründer und Geschäftsführer der Riccardo Retail GmbH und Shop-Betreiber von riccardo-zigarette.de. Wie viel Teile hat eine Bestellung im Durchschnitt?
Eine Bestellung hat im Schnitt ca. fünf Positionen, so werden ca. 2.000 Artikel am Tag versendet.

Wie geht die Zusammenstellung der Aussendung vonstatten?
Nachdem der Kunde die Ware im Shop eingekauft hat wird ein Scanauftrag für den Versand vom System generiert. Dieser wird ausgedruckt und der Picker sieht hier nur noch den Lagerplatz sowie die Stückzahl, die zu entnehmen ist. Nachdem der Auftrag komplett gescannt wurde, geht dieser in den Versand, und das System generiert automatisch die Rechnung und das Versandlabel für das Paket.

Im Versand wird die Sendung dann nochmals kontrolliert und dann versandfertig gemacht. Wie lang dauert heute im Durchschnitt die Zusammenstellung einer Bestellung?
Das Picken dauert – je nach Positionen – etwa ein bis zwei Minuten. Das Verpacken und Kontrollieren dann nochmals circa eine Minute. Insgesamt benötigen wir für eine Bestellung also zwei bis drei Minuten.

Sehen Sie da Optimierungspotential? Und wie wollen Sie das bewerkstelligen?
Wir arbeiten bereits jetzt schon optimiert, da die Laufwege für den Picker bereits vorgegeben sind. Das System errechnet den schnellsten Weg und vermeidet dadurch unnötige und zeitaufwändige Lauferei.Der nächste Schritt ist jetzt die Verlagerung der Topartikel in den vorderen Laufbereich. Wir trennen uns also von dem Denken in Warengruppen. Dies ist auch nicht mehr notwendig, da der Picker keine Warenkenntnisse mehr benötigt.

Bild: Liquid-Produktion bei Riccardo E-Zigaretten

Liquid-Produktion bei Riccardo E-Zigaretten in Neubrandenburg (Foto: Riccardo Retail GmbH)

Mit welcher Zeitersparnis rechnen sie dadurch je Bestellung?
Wenn man bedenkt, das 20 % der Artikel ca. 80 % des Umsatzes ausmachen ist die Zeitersparnis enorm. Bei einer Zeitersparnis von 30 % liegen wir bereits bei ca. 30 Sekunden pro Auftrag. Das macht bei 400 Bestellungen 200 Minuten am Tag!

Fazit: Detail-Management bei Logistik im Onlineshop lohnt sich

Die Vorgehensweise bei riccardo-zigarette.de ist durchaus nicht üblich. Häufig werden genau diese Stellschrauben nicht beachtet. Nachdem Onlinehändler in den vergangenen Jahren auf die Onsite-Optimierung fokussiert waren, ist es nun an der Zeit, die Stellschrauben in der Logistik zu beleuchten. Das Beispiel zeigt, dass durch die Optimierung kleinster Prozessteile in der Logistik eine Steigerung der Effizienz erreicht werden kann. Der Autor ist Geschäftsführer der webvitamin GmbH, die das Online Marketing von Riccardo umfassend betreut und erhielt so einen detaillierten Einblick in die Logistik Prozesse.

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Tomas Renner Jones

Tomas Renner Jones

Tomas war in verschiedenen Positionen für Internet-Start-Ups als Bereichsleiter international verantwortlich. Seit 2010 berät er eigenständig Unternehmen bei e-commerce und Online-Marketing mit Schwerpunkt Technologie und Social Media Strategie. Er doziert als Lehrbeauftragter an der Hochschule für Technik und Wirtschaft in Berlin Social Media Marketing and Cloud Computing. Und der bloggt als freier Onlinejournalist zum Thema Internet-Technologien.

3d Kommentare

  1. […] Ursprünglich publiziert bei netzaktiv.de. […]

  2. […] Ursprünglich publiziert bei netzaktiv.de. […]

  3. 3. Februar 2015 von 14:48 — Antworten

    Wir haben gerade für einen Mittelständler (Modehandel) die komplette Kommissionierung im E-Commerce-Geschäft des Unternehmens mit Hilfe von iPods und iPads automatisiert. War ein echt spannendes Projekt, gerade wenn man der„Online-Handel“ dem stationärem Handel untergeordnet ist und man so aus verschiedenen Lagern durch verschiedene Abteilungen Ware kommissionieren muss.

    Vor der Umstellung lief alles über Laufzettel und händische Notizen der Mitarbeiter, jetzt kann das Backoffice zentral in Echtzeit den Kommissionierfortschritt einsehen, Retourengründe analysieren und Stornos durch die Kunden werden live berücksichtig, direkt beim Picken.

    Allein durch die Umstellung, ohne weitere Optimierungen am Kommissioniersystem konnte so schon die Zeit vom Bestelleingang bis zum Versand halbiert werden sowie Fehlerquoten (falsche Artikel an falschen Kunden etc) minimiert.

    Sicherlich gibt es bereits große Player, wie Pixi, jedoch sind die mit mehr als 30.000 EURO Investition meist mehr als eine Überlegung wert….

    Falls jemand mal im Raum Franken Interesse hat und sehen möchte, wie man kostengünstige iPods in der Kosmissionierung einsetzt – mit Sprachfeedback und Barcodes, dann soll er sich einfach mal melden.

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