Opinion

ebay macht Logistik: Warum Händler abwarten sollten

ebay plant für den Februar 2015 die Eröffnung eines Logistikzentrums in Halle an der Saale. Der Marktplatz wandelt damit auf den Spuren von Amazon und MeinPaket: Fulfillment für Händler. Grund zur Freude für ebay-Powerseller? Noch nicht. Warum Händler abwarten sollten.

„Sparsame“ Standortwahl – Vorteil Amazon

Fulfillment-Leistungen, um Powerseller bei Lagerung, Kommissionierung und Distribution zu unterstützen? Das klingt toll. Mehr Kundenvertrauen durch „Versand durch ebay“? Dadurch größere Warenkörbe und mehr Umsätze für Händler?

Das klingt noch besser. Nur: Für ein Unternehmen wie ebay, dessen Kernkompetenz nicht in der Logistik liegt, ist ein Standort in Mitteldeutschland jedoch keine gute Wahl. Um zum Beispiel Kunden in NRW zu erreichen, dem bevölkerungsreichsten deutschen Bundesland, ist die Strecke unnötig lang: Straßengüterverkehre gehen im Nachtsprung zu einem Verteilzentrum in Hannover, dort erfolgt der Umschlag, dann der Weitertransport Richtung Ruhrgebiet, dort die regionale Verteilung: Das ist zum einen von der Steuerung entlang der Prozesskette nicht trivial, zum anderen aufgrund der Entfernungen zwangsläufig mit frühen Schlusszeiten verbunden. Bei ebay hat man bezüglich der Standortwahl also keinesfalls Kunden oder Endverbraucher im Fokus gehabt. Dafür wäre zum Markteintritt ein Standort im Ruhrgebiet eine bessere Wahl gewesen. Vielmehr hat sich das Konzern-Controlling seitens ebay ganz klar für die kostengünstigste Lösung entschieden.

Für Händler bedeutet das: Wo Amazon seine Fulfillment-Kunden (und die wiederum ihre Kunden) noch mit Bestellzeiten bis 22:00 Uhr locken kann, wird bei ebay der Bestellannahmeschluss deutlich früher sein, wenn es darum geht, bestellte Ware noch am gleichen Tag auf die Reise zu den Endkunden im genannten Ballungsraum zu schicken. Online-Shoppern wird dieser Unterschied nicht entgehen. Einen echten Wettbewerbsvorteil „Distribution“ gegenüber anderen etablierten Marktplätzen schafft ebay seinen Händlern also vorerst nicht.

Fulfillment für Händler? Gibt’s schon.

Stichwort Kerngeschäft: ebay ist kein Logistik-Unternehmen und wird auch bestimmt keins werden wollen: Der Bau des Zentrums hat bereits begonnen, im Februar 2015 soll gestartet werden und der Marktplatz-Betreiber sucht aktuell keine Logistiker auf dem Personalmarkt. Straffer Zeitplan. Ergo: In der Praxis wird das neue Logistikzentrum nicht in Eigenregie, sondern von einem externen Dienstleister bewirtschaftet werden. Der lediglich Service-Leistungen erbringt, die er bereits andernorts unter seinem eigenen Namen bereits für Händler anbietet. Ab 2015 dann nur noch zusätzlich unter der Marke von ebay.

Für Händler bedeutet das: Allgemein interessiert an Fulfillment? Preise vergleichen! Derselbe Dienstleister, der für ebay die Abwicklung übernimmt, könnte auch an anderer Stelle in Eigenregie vergleichbare Leistungen zu geringeren Kosten anbieten. Händler sollten Kosten vergleichen und sich nicht durch ein „Versand durch ebay“-Branding ködern lassen.

Fazit: „Logistik durch ebay“ nutzt vorerst nur der Marke ebay

Ein Logistikzentrum macht noch keinen Fulfillment-Dienstleister. Ob ebay mit seiner Initiative mittelfristig echten Mehrwert für seine Händler und deren Kunden schaffen wird, steht noch in den Sternen. Vorerst profitiert nur der Marktplatz selbst: „Versand durch ebay“. Mit einem solchen Button kann wunderbar werblich „struzen“ gehen und beim Endverbraucher punkten. Egal, ob Händler oder Marktplatzkunden einen realen Zustatznutzen davon haben werden oder nicht.

Aber die Logistik-Immobilie? Stellt keine Verpflichtung dar: Die Immobilienmarktentwicklung für solche Objekte ist momentan derart positiv zu bewerten, dass man von einem risikofreien Invest sprechen kann: Ginge ebays Plan nicht auf, sich mittelfristig als Fulfillment-Anbieter zu positionieren, wäre ein solches Objekt schneller wieder vermakelt, als man ausziehen könnte.

Händler können also vorerst gelassen abwarten und abwarten, wie ernst ebay es letztlich tatsächlich meint, sich auch als Dienstleister gegen Amazon und MeinPaket zu positionieren.

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Karsten Werner

Karsten Werner

Karsten Werner ist Logistiker, Projektmanager und Dozent für berufliche Weiterbildung. Er beobachtet seit 2000 die Entwicklungen im e-commerce. Neben seiner Neugierde an Supply Chains und Best Practices im Onlinehandel, bildeten die Empfehlungssysteme im Web 2.0 später einen weiteren Interessensschwerpunkt. Derzeit liegt sein Themenfokus auf den Geschäftsmodellen und Strategien in den Märkten für digitale Güter. Er schreibt außerdem für etailment.de und twittert unter @KarstenWerner.

2d Kommentare

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  2. […] Ursprünglich publiziert bei netzaktiv.de. […]

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