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Ohne Drohnen keine Pakete im E-Commerce?

Die Logistik ist ein kritischer Erfolgsfaktor im E-Commerce. In der Fläche klappt sie gut –Knackpunkt ist die letzte Meile. Viele Experten setzen zur Lieferung auf dieser letzten Meile enthusiastisch auf Drohnen und hypen diese als Technologie der Zukunft.

Aber können Drohnen wirklich die Logistik des Online-Handels auf der letzten Meile revolutionieren? Zeit, diesen Lieferweg einmal ohne Männerspielzeugphantasien unter die Lupe zu nehmen.

Handlungsbedarf auf der letzten Liefermeile: Tempo und Flexibilität

Online-Käufer erwarten schon heute – und in Zukunft wird das noch ausgeprägter werden – von ihrem Online-Shop individuelle Services und Tempo. Die Themen sind bekannt: taggleiche oder noch schnellere Lieferung, Lieferung in einem vom Kunden eng definierten Zeitfenster an eine vom Kunden vorgegebene Lieferadresse und einiges mehr. Diese Anforderungen sind mit den heute eingesetzten Methoden nicht, oder zumindest nicht wirtschaftlich, erfüllbar. Sind Drohnen mit Paketen die Heilsbringer?

Viele Branchen-Gurus proklamieren den Einsatz von Paket-Drohnen schon als Heilsbringer für die Lösung der genannten Herausforderungen auf der letzten Meile. Große Player wie Amazon oder DHL investieren massiv in die Entwicklung von Lieferdrohnen. Und begleitet wird dieses Thema von einem ziemlichen Hype, der beinahe schon der Fanhysterie im Vorfeld der Uraufführung der nächsten Folge der Star Wars-Saga ähnelt. Ist dieser Hype gerechtfertigt, oder eher das Resultat von Männerspielzeugphantasien?

Potenzielle Vorteile von Drohnen für den E-Commerce sind verlockend

Klar, die denkbaren Vorteile bei der Drohnenlieferung von Online-Bestellungen sind schon spannend! Die Fluggeräte wären höchst flexibel einsetzbar, schnell und benötigten keine Pausen. Die uns alle so oft nervenden in zweiter Reihe parkenden Lieferwagen – seien sie nun gelb, braun oder weiß lackiert – gehörten der Vergangenheit an. Die Verlagerung des Lieferverkehrs in die Luft brächte also nicht nur eine Entspannung der Verkehrssituation gerade in städtischen Ballungszentren, sondern könnte gegenüber dem heute üblichen Lieferwageneinsatz auch eine deutliche Verbesserung der Öko-Bilanz des E-Commerce bedeuten.

Last, but not least, könnten die Drohnen den Knochenjob der Paketboten entschärfen. Eine andere Lesart ist freilich, dass Arbeitsplätze durch Automatisierung zumindest teilweise an Drohnen verloren gingen. Das fände wohl nicht jeder Paketbote unbedingt wirklich toll.

Gründe für eine eher bodenständige Logistik im Online-Handel

Drohne im E-Commerce

Wie seht ihr das? Sind Drohnen im E-Commerce unsere Zukunft oder ist das alles nur heiße Luft? (Grafik: grgroup / fotolia.com)

Klingt gut, die schöne neue Logistik-Welt, oder? Aber ist sie auch realistisch? Ich glaube in absehbarer Zeit nicht daran. Viele technische Fragen sind ungelöst. Jüngst ist ein von großem Presseaufwand begleiteter Demo-Flug der DHL-Drohne gescheitert. Der Prototyp musste wegen schlechten Wetters am Boden bleiben. Gesprungen wie ein Tiger –gelandet wie ein Bettvorleger, ist man geneigt zu spotten. Aber das Gerät ist ja nicht einmal losgesprungen. Soll also für Tage oder Wochen mit fluguntauglichem Wetter als Back-up die gute alte Autoflotte vorgehalten werden? Unmöglich!

Ein technisches Modell für das tatsächliche Abladen der Ware beim Adressaten ist zum Beispiel, diese an einem Seil in  in den Garten hinab zu lassen. Hoffentlich ist dort kein Goldfischteich.

Und jetzt stellt Euch bitte einmal das Drohnengewimmel über Großstädten vor, falls alle technischen Probleme gelöst sind und diese Lieferform sich tatsächlich durchsetzt. Wie weichen die vielen fleißigen Helferlein einander aus? Erkennen Sie Hochspannungs- und andere Stromleitungen?

Genehmigungsfähigkeit von kommerziellen Drohnen ist mehr als fraglich

Und damit sind wir auch schon beim deutschesten aller Hindernisse auf dem Weg zur Drohnenlieferung eurer Online-Bestellung. Eine Genehmigung des großflächigen Einsatzes von Drohnen in hoher Anzahl erscheint aus jetziger Sicht utopisch. Zur Ehrenrettung der deutschen Behörden sei nebenbei angemerkt, dass auch die US-amerikanische Flugaufsichtsbehörde FAA äußerst skeptisch gegenüber dem Einsatz von Drohnen ist.

Zwischenfazit

Einige der genannten Vorteile lassen den Einsatz von Paket-Drohnen superspannend und wünschenswert erscheinen. Theoretisch könnten sie insbesondere zum Stillen des schier unersättlichen Servicehungers von uns Online-Shoppern beitragen. Auf absehbare Zeit bleibt dies wegen der genannten Hindernisse aber, und ich bedaure das durchaus, Musik aus ferner Zukunft. Daher erscheint mir der Hype um diese Technologie deutlich überzogen. Das Beamen der Ware zum Kunden wäre noch besser – geht aber leider auch noch nicht.

Lokale Generalauslieferer als realistischere Alternative?

Ein realistischeres Modell für die letzte Meile könnte ein System lokaler Generalauslieferer sein. Hierzu könnte es in naher Zukunft ein Modell-Forschungsprojekt in Berlin geben. Dieses Modell basiert auf der Überzeugung, dass die Kompetenz der großen Logistiker wie DHL, DPD, UPS und anderen auf der georaphisch großflächigen Verteilung von Sendungen über ihre hochmodernen Paketverteilzentren in die Fläche liegt. Die Lieferung von Online-Bestellung auf der letzten Meile hingegen gehört hingegen nicht zur Kernkompetenz dieser Paketdienste. Darunter leidet letztlich auch der Service am Kunden.

In die Bresche der letzten Meile könnten lokale oder regionale Generalauslieferer springen. Diese wären dann nicht nur für aus dem E-Commerce resultierende Auslieferungen, sondern für möglichst alle Warenlieferungen in einem lokal begrenzten Raum zuständig. Ob mit diesem Modell ein hohes Servicelevel wirtschaftlich angeboten werden kann, müssen wir natürlich auch erst einmal abwarten.

Mir persönlich erscheint es aber realistischer als die Drohnenlieferungs-Science-Fiction. Wie seht Ihr das?

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Frank Zimmermann

Frank Zimmermann

Frank ist mit seinem Unternehmen FCZ PR seit 2003 selbständiger Kommunikationsberater. Seine Kernkompetenzen sind E-commerce, IT im Allgemeinen und die Finanzdienstleistungsbranche. Neben Corporate Communications ist die Krisenkommunikation seine Passion. Zuvor war Frank als Managing Director des Standortes Frankfurt der PR-Agentur Weber Shandwick tätig.

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